Frohe Ostern [DE]

Ostern, Zeit der inneren Einkehr, der Familie, der Kinder. Das Fest hat verschiedene Hintergründe, natürlich den christlichen, aber auch den eines Frühlingsfestes, das Ende der Fastenzeit, das Ende der Entbehrung und des Leids.

Draussen tobt eine Unterart von SARS, aber wir haben die Lage gut im Griff, es ist wieder Alltag und Normalität eingekehrt. Für die meisten Deutschen ist die Krise, wie gewohnt, irgendwo da ganz hinten, weiter weg. Einige wenige stecken mittendrin.

Viele Menschen leben derzeit temporär das Leben und Arbeiten, welches ich seit fast 20 Jahren lebe. Vor ein paar Tagen, Livestream der Ethikkommission. Wichtige Fragen werden detailiert ausgearbeitet, was darf man bei der Triage, also die Notlage im Krankenhaus,  wenn man zwei Menschen retten muss, aber nur einen retten kann. Und natürlich die Frage, wie weit und lange Einschränkungen für uns alle gehen müssen, sollen, dürfen. Wer darf was entscheiden, und wer nicht. Die Kirchen sind leer – Pandemie-Vorschrift und gleichzeitig ein Spiegel unserer Zeit. Kirche ist nicht logisch und nicht effizient.

Ich stelle die Meta-Frage: Ethik ist zu einem Werkzeug geworden, einem Tool in unserer Toolbox. Perfektioniert und nur dann angewandt, wenn sie benötigt wird. Man benötigt sie nicht mehr oft, denn unser Grundgesetz ist schließlich ebenso perfektioniert, unser Sozial-Staat schützt die Schwachen, keiner leidet, keiner hungert, keiner hat Angst, der Rest sind Ausnahmen, Unglücksfälle, tragische Einzelschicksale.

Ethik im Firmenalltag? Dabei denkt man 2020 höchstens an die Personalabteilung, und diese wiederum denkt an Gender, an Integration, an Fairness und Gleichberechtigung. Auch hier ist die Ethik nur noch ein Werkzeug, welches zur Perfektionierung der Regeln und Richtlinien herausgeholt, angewandt und am Ende wieder in die Schublade geräumt wird. Die Regeln der Ethik sind streng und so präzise, dass sie selbst in Grauzonen genaue Grenzen ziehen kann.  Vielleicht bekommen wir nach der medizinischen Diagnostik-KI als nächstes die Ethik-KI.

Ich frage nicht, ist das gut oder schlecht. Gut wäre ja zu mindest, dass es dieses Werkzeug gibt und wir es verwenden. Ich frage: gefällt uns das so, oder fehlt es uns an (Zwischen-)Menschlichkeit? Mir schon. Ethik und Moral im Turbo-Kapitalismus. Muss das sein? Ethik nervt, sie ist kompliziert. Schon wieder das Genderthema? Das ist nicht die Ethik, die wir am Wasserspender oder in der Kantine brauchen. Ebenso wenig die erhobenen Zeigefinger, womöglich gar zeigende Finger. Wir brauchen die menschliche Komponente der Ethik, das Mitgefühl, das Verständnis. Die Unterstützung und die Rücksichtnahme, über Grenzen hinweg – und diese Dinge brauchen wir nicht nur beim Umgang mit Kollegen, Freunden und Familie. Vor allem brauchen wir sie auf systematischer Ebene. Die Ethik darf im Sozialstaat und im Sozialleben kein präzises Werkzeug sein. Sie muss lebendig sein und auf Augenhöhe mit den kalten Zahlen der Bilanz.

Die aktuelle Bundesregierung ist von mir nur teilweise gewählt worden (wie auch sonst), und hatte mich bisher mit ihrer Leistung so garnicht überzeugen können. Aktuell jedoch bin ich sehr froh, über viele gute, organisatorische, wissenschaftliche und soziale Entscheidungen. Spahn for President! Der Konservativismus der Kanzlerin momentan ein Segen, statt ein Fluch. Wir steuern eine Naturgewalt, ein unglaublicher Kraftakt und eine Gemeinschaftsleistung.

Alles ging plötzlich sehr schnell, Hilfe die ankam, bevor es zu spät war, Dinge, die früher jahrzentelang nicht bewegt werden konnten. Diesmal wurden nicht zuerst Großkonzerne und Banken gerettet, sondern die kleinen Leute. Spanien geht noch einen Schritt weiter, schafft ein Grundeinkommen.

Ich bin es gewohnt, durch das Sozialraster zu fallen, startete meinen Freiberuf in die Finanzkrise 2010 hinein. Wenn ich nicht zufällig noch neben meinem Freiberuf angestellt bin, hole ich mir nicht einmal mehr eine Krankschreibung. Wenn ich Urlaub mache, oder an Feiertagen, erhalte ich keinen Lohn. Zigaretten sind meine Rente, ich habe keine Wahl als heute zu leben. Ich fühle mit denen, die in dieser Krise, anders als ich, durch das Netz fallen, das unsere Regierung gespannt hat. Die Menschen, die ihr Lebenswerk, ihr Startup oder ihre Anstellung verlieren, insolvent werden – und selbstverständlich auch mit den Menschen, die gesundheitlich oder familiär betroffen sind.

Es sind aber die Lebenden, um die wir uns kümmern müssen, so steht es zu mindest in der Bibel, und die ist eine der Grundlagen des modernen Humanismus und der Menschenrechte – und ich hoffe, dass Ethik & Mitgefühl auch nach dieser Krise ganz vorne im Bundestag und der EU verbleiben, sogar einen höheren Stellenwert bekommen, als die Zahlen, unabhängig der Parteien. Das Geld sollte eigentlich uns dienen, und nicht wir dem Geld. Es sollte ein Werkzeug sein, und keine Richtlinie. Ein Rollentausch, der dringend nötig ist.

Frohe Ostern und gute Gesundheit.